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Versatzstücke aus unserer Geschichte

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Mark Twain und die Setzmaschine

Seit Gutenbergs Zeiten steht der Schriftsetzer vor dem Fächerkasten und fügt Buchstabe für Buchstabe zu Zeilen und Kolumnen. Was der Drucker geschwind mit der Farbe ins Papier presst hat der Setzer in einem Vielfachen der Zeit mühevoll dem Setzkasten, den Quadratenkästen und dem Reglettenregal abgerungen. Und dann, nach dem Drucken und Reinigen des Satzes, ist die kunstvolle Komposition der kleinen Teile wieder aufzulösen, einzusortieren und abzulegen. Das kostet nochmals die Hälfte der vorherigen Satzzeit. So war in den Betrieben vor Erfindung der Setzmaschinen das zahlenmäßige Verhältnis von Druckern und Setzern 1 zu 6.

 

Die ersten praktischen Schritte auf dem Weg zum automatisierten Setzen werden aus dem Jahr 1796 berichtet. Damals unternahm der Franzose Heran den Versuch, präzise justierte Kupfermatrizen mit Schriftmetall auszugießen und so Druckplatten zu fertigen. Wurde diese Methode auch vorerst wegen auftretender Unsauberkeiten im Guss wieder verworfen, so wies sie doch schon die richtigen Überlegungen auf, die Ottmar Mergenthaler nur 90 Jahre später zur Lösung des Setzmaschinenproblems vollendete.

 

Ein gewisser Samuel Langhorne Clemens (30. November 1835 – 21. April 1910), der später unter dem Pseudonym „Mark Twain“ weltberühmt werden sollte, plagte sich schon früh am Setzkasten. Nach dem frühen Tod seines Vaters 1847 musste er die Schule abbrechen und begann mit zwölf Jahren eine Schriftsetzerlehre bei der Zeitung „Missouri Courier“. Ab 1852 wanderte er als reisender Setzer durch verschiedene Bundesstaaten und schrieb Reiseberichte. Bald schon wollte er den Beruf wechseln und wurde zuerst lizensierter Steuermann auf dem Mississippi. Aus dieser Zeit stammt auch sein Pseudonym: „mark twain“ rief der Lotjunge am Bug, der mit dem Senkblei die Wassertiefe prüfte, und sagte damit „zwei Faden tief“. Später versuchte Twain sich noch als Goldgräber, dann als Reporter und Schriftsteller. Seine Abenteuerromane von Tom Sawyer und Huckleberry Finn machten ihn bekannt und wohlhabend.

 

Die wirtschaftliche Katastrophe trat dann in Person des Erfinders James W. Paige aus Rochester, New York, in sein Leben. Dieser hatte neben seiner brillanten technischen Begabung auch eine große Überzeugungskraft, so dass er „imstande war, einen Fisch zu überreden, aus dem Wasser zu kommen und mit ihm spazieren zu gehen“, wie Mark Twain einmal bemerkte.

 

Paiges Erfindung war eine Setzmaschine - und das komplizierteste Konstrukt von Menschenhand. Sie bestand aus sagenhaften 18.000 Hauptteilen, 800 Achsen und Rädern und einer großen Zahl kleinerer Scheiben und Federn. Auf 109 Tasten tippte der Bediener Buchstabenverbindungen, Silben und ganze Wörter durch akkordähnliche Anschläge. Die Patentierung der Maschine nahm acht Jahre in Anspruch und war das aufwändigste bekannte Verfahren. Hunderte von Bogen mit Zeichnungen, über tausend Einzelansichten und ungezählte Seiten mit Erläuterungstext waren durchzuarbeiten. Einer der Patent-Prüfer starb während der Prüfungszeit, ein anderer wurde wahnsinnig, und auch der beauftragte Patentanwalt starb in einem Irrenhaus.

 

Aus eigenem Erleben in der Setzerei von der Sinnhaftigkeit dieser Maschine und der Genialität des Erfinders überzeugt gab Mark Twain ab 1880 immer wieder große Summen zur Weiterentwicklung und Patentierung. Doch mit der Aufstellung der ersten „Linotype-Zeilengießmaschine“ von Ottmar Mergenthaler im Juli 1886 waren die Weichen gestellt. Die Paige-Setzmaschine schien bei einem kalkulierten Verkaufspreis von 15 bis 20 Millionen Dollar dem Untergang geweiht. Auch das Angebot, die Apparatur für eine Jahresmiete von 6.000 Dollar aufzustellen, fand keine Interessenten. 1894 meldete die mit dem Bau betraute Gesellschaft Konkurs an, und Mark Twain hatte sein Vermögen verloren.

 

Er begann mit einer jahrelangen Vortragstournee durch Europa seine Schulden abzubezahlen. Der Humor hatte ihn allerdings nicht verlassen. Als er vom Erscheinen eines Buches über Erfinder las schrieb er an den Verfasser: „Wenn ihr Buch angibt, wie man die Erfinder ausrotten kann, senden Sie mir neun Exemplare davon. Senden Sie sie per Express!“

 

Während der langen Entwicklungszeit waren zwei Paige-Setzmaschinen fertig gestellt worden. Eine ging in den Besitz der Columbia-Universität in New York über, die zweite kam zur Cornell-Universität in Ithaca. Diese gab sie ans Mark-Twain-Museum in Hartford weiter, wo sie noch heute als technisches Wunderwerk bestaunt werden kann. Das Exemplar der Columbia-Universität ist untergegangen; es wurde wahrscheinlich um 1940 verschrottet.

 

 

Arthur Schopenhauers Setzerermahnung

Beim Abschreiben und Setzen von Texten ertappt sich jeder rechtschreiblich Bewanderte immer wieder dabei, wie er die offensichtlichen oder eingebildeten Fehler des Manuskriptes en passant korrigiert. Manches mal entziehen sich diese kleinen Eingriffe gar dem Bewusstsein; der falsche Buchstabe wird richtig gelesen, das doppelte Wort in der Vorlage glatt übersehen.
 

Doch der Setzer setze sklavisch ab, was er vorfindet, so die alte Regel. Und je schöpferischer der Schreiber, je ausgefeilter die Formulierungen, desto eher sind Abweichungen von der geltenden Norm gewollt und notwendig.

 

Der Philosoph Arthur Schopenhauer (22. Februar 1788 – 21. September 1860) war ein schwieriger Zeitgenosse, lange Zeit überworfen mit oder ungelesen von vielen anderen Philosophen seiner Zeit und stets von der eigenen Klarsicht überzeugt. Er lebte als eigenbrötlerischer Junggeselle, nur einen Pudel sah man ihn zeitlebens begleiten. Starb dieser, was so alle zehn Jahre geschah, dann erwarb er wieder ein ähnliches Tier. Denn er war der festen Ansicht, dass jeder Hund gleichzeitig jeden anderen Hund enthalte, so dass „des Pudels Kern“ ihm doch erhalten bliebe.

In den publizierten schriftlichen Auseinandersetzungen mit seinem Verleger Brockhaus ist aus dem Jahre 1847 auch eine Ermahnung an den Setzer seines Werkes überliefert. Diese zeigt, wie der gewaltige Denker die Sprache formte und verformt erhalten wissen wollte:

 

Mein lieber Setzer!
Wir verhalten uns zueinander wie Leib und Seele; wir müssen daher, wie diese, einander unterstützen, auf dass ein Werk zustande komme, daran der Herr (Brockhaus) Wohlgefallen habe.
 

Ich habe hierzu das Meinige getan und stets, bei jeder Zeile, jedem Wort, ja jedem Buchstaben, an Sie gedacht, ob Sie nämlich es auch würden lesen können. Jetzt tun Sie das Ihre.
 

Mein Manuskript ist nicht zierlich, aber sehr deutlich, auch groß geschrieben. Die viele Überarbeitung und fleißige Feile hat viele Korrekturen und Einschiebsel herbeigeführt. Jedoch alles deutlich und mit genauester Hinweisung auf jedes Einschiebsel durch Zeichen, so dass Sie hierin nie irren können; wenn Sie nur recht aufmerksam sind und mit dem Vertrauen, dass alles richtig sei, jedes Zeichen bemerken und sein entsprechendes auf der Nebenseite suchen.
 

Beachten Sie genau meine Rechtschreibung und Interpunktion: und denken Sie nie, Sie verständen es besser; ich bin die Seele, Sie der Leib.

Und überall sei das Letzte, was Sie denken oder annehmen, dieses, dass ich eine Nachlässigkeit begangen hätte. Bedenken Sie, wenn die vielen Korrekturen Ihnen beschwerlich fallen, dass eben infolge derselben ich nie nötig haben werde, auf dem gedruckten Korrekturbogen noch meinen Stil zu verbessern und Ihnen dadurch doppelte Mühe zu machen.
 

Ich setze gerne doppelte Vokale und das tonverlängernde h, wie es früher jeder setzte. Ich setze nie ein Komma vor denn, sondern Kolon oder Punkt. Ich schreibe überall ahnden, nie ahnen. Ich schreibe „trübsälig, glücksälig“ usw., auch etwan, nie etwa. Teilen Sie diese Mahnung dem Korrektor mit.

 

 

 

Arbeitsverhältnisse

Wenn heutzutage von „schlechten Arbeitsbedingungen“ die Rede ist, dann werden oft ausgefallene Sonderzahlungen und Überstunden ins Feld geführt. Doch noch vor etwas mehr als einer Menschenlebensspanne - gemessen an Herrn Heesters - war auch in unserer Branche eben erst der Sonntag arbeitsfrei geworden. Seitdem ist es mit den Arbeitsbedingungen rasant bergauf gegangen.

Zum Vergleich steht hier die Büro-Ordnung eines deutschen Verlagshauses um 1876:


Bureau-Ordnung

1. Gottesfurcht, Sauberkeit und Pünktlichkeit sind die Voraussetzungen für ein ordentliches Geschäft.

2. Das Personal braucht jetzt nur noch an Wochentagen zwischen 6 Uhr vormittags und 6 Uhr nachmittags anwesend zu sein. Der Sonntag dient dem Kirchgang. Jeden Morgen wird im Hauptbuereau das Gebet gesprochen.

3. Es wird von jedermann die Ableistung von Überstunden erwartet, wenn das Geschäft sie begründet erscheinen lässt.

4. Der dienstälteste Angestellte ist für die Sauberkeit des Bureaus verantwortlich. Alle Jungen und Junioren melden sich bei ihm 40 Minuten vor dem Gebet und bleiben auch nach Arbeitsschluss zur Verfügung.

5. Einfache Kleidung ist Vorschrift. Das Personal darf sich nicht in hellschimmernden Farben bewegen und nur ordentliche Strümpfe tragen. Überschuhe und Mäntel dürfen im Bureau nicht getragen werden, da dem Personal ein Ofen zur Verfügung steht. Ausgenommen sind bei schlechtem Wetter Halstücher und Hüte. Außerdem wird empfohlen, in Winterszeiten täglich 4 Pfund Kohle pro Personalmitglied mitzubringen.

6. Während der Bureaustunden darf nicht gesprochen werden. Ein Angestellter, der Zigarren raucht, Alkohol in irgendwelcher Form zu sich nimmt, Billardsäle und politische Lokale aufsucht, gibt Anlass, seine Ehre, Gesinnung, Rechtschaffenheit und Redlichkeit anzuzweifeln.

7. Die Einnahme von Nahrung ist zwischen 11.30 Uhr und 12 Uhr erlaubt, jedoch darf die Arbeit dabei nicht unterbrochen werden.

8. Der Kundschaft und Mitgliedern der Geschäftsleitung nebst den Angehörigen der Presseabteilung ist mit Ehrerbietung und Bescheidenheit zu begegnen.

9. Jedes Personalmitglied hat die Pflicht, für die Erhaltung seiner Gesundheit Sorge zu tragen, im Krankheitsfalle wird die Lohnzahlung eingestellt. Es wird daher dringend empfohlen, dass jedermann von seinem Lohn eine hübsche Summe für einen solchen Fall wie auch für die alten Tage beiseite legt, damit er bei Arbeitsunvermögen und bei abnehmender Schaffenskraft nicht der Allgemeinheit zur Last fällt.

10. Zum Abschluss sei die Großzügigkeit dieser neuen Bureau-Ordnung betont. Zum Ausgleich wird eine wesentliche Steigerung der Arbeit erwartet.

 

 

 

Verlegerschreck Victor Hugo

Der französische Schriftsteller (1802 bis 1885) lag in ständiger Fehde mit seinen Setzern.

Von ihm wird berichtet, dass er immer wieder einzelne Seiten und ganze Druckbogen komplett neu setzen ließ, weil ihm die Raumaufteilung von Worten und Versen untereinander nicht zusagte.

 

 

Charakteristisch ist folgendes Zitat, das aus einem Brief von 1853 an seine Korrektorin stammt:

 

„Wenn ein Vers so lang ist, dass er den Raum einer Zeile überschreitet, so darf er nicht etwa abgebrochen und in der zweiten Zeile weitergedruckt werden, wie es gewöhnlich geschieht. In einem solchen Falle ist das Format des Buches zu ändern.

 

Ob ich den Setzern und Verlegern Unannehmlichkeiten bereite, kommt dabei nicht in Betracht. Sie sollen die Änderungen vornehmen und keine weiteren Worte verlieren, da ich als erste Forderung aufstelle, dass meine Verse so gedruckt werden, wie ich sie geschrieben habe.“

 

 

 

  zuletzt aktualisiert: 21.10.2012